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Strövers Naturpaedblog » Ernst Peter Fischer

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Naturpädagogik ist mehr als nur Biologie

Sonntag, 05. April 2009

  Natur Wissenschaft PädagogikRuda Töbelmann ist als Abteilungsleiterin der Fachschule für Sozialpädagogik an der Beruflichen Schule am Königsweg Kiel (vgl.  http://www.schleswig-holstein.de/Bildung/DE/Service/Broschueren/Kita/NaturWissenschaft Paedagogik,templateId=raw, property=publicationFile.pdf, S. 08) in der Position, die Qualifikation von Erzieherinnen und Erziehern nicht bloß möglicherweise zu beklagen, sondern zu verbessern. Ihr Anliegen ist es u. a., Erzieherinnen und Erzieher für naturwissenschaftliche Themen zu öffnen. Es reiche nicht aus, biologische Sachverhalte zu kennen und diese Vorschulkindern zu vermitteln, sondern es sei notwendig, auch kindliche Erfahrungen zuzulassen, die etwas mit Physik, Technik, Mathematik oder Chemie zu tun haben. Voraussetzung ist aber, eigene Unsicherheit bei angehenden Erzieherinnen und Erziehern zu überwinden. So heißt es weiter im Vorwort (S. 6) der oben angegebenen Pdf-Broschüre, dass die naturwissenschaftliche Bildung mittlerweile auch “fester Bestandteil der ‘Leitlinien zum Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen des Landes Schleswig-Holstein’” sei.

Der Hintergrund dieser Bemühung, die naturwissenschaftliche Bildung angehender Erzieherinnen und Erziehern zu fördern, wird dadurch erklärt, dass Jugendliche aktuell nur wenig Interesse an naturwissenschaftlichen Themen bzw. Berufen zeigen würden. Es geht also darum, zukünftige Jugendliche für naturwissenschaftlich-technische Berufe vorzubereiten bzw. neugierig zu machen.

Wirtschaftspolitische Motive führen hier also zu einem Versuch, das derzeitige Bildungsgeschehen mit zu erneuern. - Es ist schon interessant, dass heute immer noch eine gewisse Einseitigkeit im gesamten Bildungswesen festzustellen ist. Doch meine ich, dass seit des PISA-Schocks ganz allmählich eine neue Zuwendung zu naturwissenschaftlich-technischen Inhalten & Themen zu beobachten sind. Plötzlich spricht man im Elementarbereich (Kindergarten-, KITA-Bereich) von Kindern als Forscher und Entdecker. Es scheint mir, als ob es momentan einfach nur eine pädagogische Modeerscheinung sei, die irgendwann wieder vorbei sein wird.  Ich würde es bedauern, wenn die aktuellen Bemühungen allgemein wieder abflauen würden, Kinder naturwissenschaftlich zu fördern. Prinzipiell trete ich für eine Bildung ein, die nach allen Seiten hin offen ist und weder das eine noch andere bevorzugt.

Bereits Theodor Litt (vgl. STRÖVER in Strövers Jobcoachblog: 26.11.2006, http://www.jobcoach.stroever.net/2006/11/26/theodor-litt-berufsbildung-fachbildung-menschenbildung) mahnte im Nachkriegsdeutschland an, dass es nicht sein dürfe, dass Schülerinnen und Schüler unvorbereitet in die Berufswelt geschickt würden. Er sah zwar den Widerspruch zwischen technisch-wissenschaftlicher und humanistisch-geprägter Bildung, sprach sich aber dafür aus, diesen Widerspruch als menschlich anzunehmen. So könne eine solide Menschenbildung mit einer beruflichen, wissenschaftlich-technischen Bildung Hand in Hand gehen, da der (dank seiner Menschenbildung) souveräne Mensch (aufgrund seiner beruflichen Fachbildung) über technische Anforderungen entscheiden könne.

Doch die aktuellen Versuche, das Bildungswesen u. a. im vorschulischen Bereich verstärkt naturwissenschaftlichen Inhalten zugänglich zu machen, zeigen mir, dass wir in Deutschland vielleicht noch immer größtenteils das geschichtlich geprägte Vorurteil pflegen, dass eine gute Allgemeinbildung auch ohne naturwissenschaftliche Bildung auskomme.

 

Dietrich Schwanitz: Bildung. Alles, was man wissen muss.
Dietrich Schwanitz: Bildung. Alles, was man wissen muss.

Schwanitz Bestseller “Bildung. Alles, was man wissen muss” zeigt exemplarisch, dass der Geschichte, Literatur, Kunst, Musik, Philosophie, den Ideologien, Theorien, den Sprachen, der Geografie breiten Raum gegeben wird. Kein Wort erfährt die bildungshungrige Leserin bzw. der bildungshungrige Leser über naturwissenschaftliche Themen, obwohl der Autor selbst Bedenken zu äußern scheint, dass die europäische Bildung lange Zeit einseitig durch die Dominanz der nach dem Physiker C. P. Snow benannten “ersten Kultur”  beherrscht wurde. Diese “erste Kultur” meint bei ihm das Literarisch-Humanistische. In einer Rede beklagte der erwähnte Physiker Snow eine (in den 1950ern) bestehende Trennung dieser literarisch-humanistischen Kultur von der zweiten, der technisch-(natur-)wissenschaftlichen Kultur.  Sein Appell, dass Bildung beide Aspekte berücksichtigen sollte, blieb scheinbar jahrzehntelang ungehört (vgl. SCHWANITZ: 1999, S 484-485).

Und wenn man sich die Bildungsgeschichte knapp vergegenwärtigt, scheint klar zu sein, dass diese neuhumanistisch geprägte Bildung, die nach dem Schöngeistigen strebte und fachlich-berufliche Bildung abwehrte, als eine Folge der bürgerlichen Emanzipation zu verstehen ist. Während mittelalterliche Bildung standesgemäß aufgefasst wurde und eher den Charakter einer Tradierung (Weitergabe) des Bewährten aufwies und damit bestehende Gesellschaftsschichten (Feudalismus) erhielt, entwickelte sich in der Neuzeit der Gedanke einer Allgemeinbildung, die m. E. allen Bürgern zukommen sollte.

Die Geringschätzung des Naturwissenschaftlichen beschreibt beispielsweise Ernst Peter Fischer ganz

 

Ernst Peter Fischer: Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte.
Ernst Peter Fischer: Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte.

plastisch in seinem empfehlenswerten Buch: “Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte“: Der Autor erinnert sich an den Tag, an dem er (im Jahre 1966) sein Abiturzeugnis vom theologisch geprägten Schuldirektor empfangen hatte mit den Worten:

“Doch dann gelang es dem Direktor unseres Gymnasiums, der als Theologe promoviert war und Philosophie mit christlichem Einschlag unterrichtete, meine gute Stimmung durch einen merkwürdigen Satz zu verderben: ‘Gute Leistungen in Physik, Chemie oder Biologie sind ja nicht unerwünscht’, so verkündete er, ‘und gute Noten in den Naturwissenschaften sind durchaus erfreulich, aber ob jermand reif ist’, fügte er nach einer kleinen rhetorischen Pause hinzu, den Blick fest auf mich gerichtet, ‘ob jemand reif ist, das erkennt man erst an seiner Deutschnote.’”

Quelle: FISCHER, Ernst Peter: “Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte.” Ullstein Verlag: Juni 2003, S. 9.

Fischer beschreibt in seinem Buch nicht nur sein Konzept zur doppelten Bildung, sondern geht geschichtlich auf die moderne, europäische Wissenschaft ein, thematisiert Astrologie und Alchemie, den “Kosmos und seine Grenzen”, behandelt die Atome, den Begriff des Lebens, seinen Ursprung, erklärt die “Idee der biologischen Evolution” und ergänzt dieses Kapitel lobenswerterweise um die Bestimmung ihrer Grenzen. Er geht auf die “Revolution in der Naturwissenschaft” ein, bespricht die “Besonderheiten der Wissenschaft im 20. Jahrhundert” und wagt einen “Ausblick: Wissenschaft als Kunst zu denken”. Spannend geschrieben mit zahlreichen Erläuterungen, warum beispielsweise Licht zugleich wellenartig als auch teilchenförmig begriffen werden kann (FISCHER: 2003, S. 162 ff.).

Wer also wirklich etwas für seine (Allgemein-) Bildung tun möchte, möge mindestens einfach beide Bücher zur Hand nehmen.

 

Natur Wissenschaft Pädagogik
Natur Wissenschaft Pädagogik

Aristoteles soll einmal folgenden Satz geäußert haben:

“Erstaunen ist der Beginn der Naturwissenschaft”.

Mit diesem schönen (hier zitierten) Zitat sind wir wieder bei der oben genannten Broschüre angekommen (S. 7), die damit einleitend die Fähigkeiten der naturwissenschaftlichen Bildung wie folgt benennt:

Ganzheitliches Forschen (Lernen), Herstellen von Kausalbeziehungen (”wenn-dann”), Förderung der kindlichen sensomotorischen Fertigkeiten, Training von Ausdauer, Geduld und Konzentration, soziales Lernen durch Gruppenarbeit (Regeln einhalten lernen), Kommunikationsfähigkeiten werden gestärkt und im Umgang mit diversen Materialien ein kreatives Arbeiten angeregt (vgl.  http://www.schleswig-holstein.de/Bildung/DE/Service/Broschueren/Kita/NaturWissenschaftPaedagogik,templateId=raw,property=publicationFile.pdf , S. 7).

Interessanterweise beherrschen im Kindergarten, den Tim Rohrmann als “Garten der Frauen” bezeichnet haben soll (vgl.  http://www.schleswig-holstein.de/Bildung/DE/Service/Broschueren/Kita/NaturWissenschaftPaedagogik,templateId=raw,property=publicationFile.pdf , S. 8), die Erzieherinnen größtenteils biologische Inhalte, wenn man mal schaut, welche naturwissenschaftliche Bereiche überhaupt vermittelt werden. Physik oder Chemie, aber auch Mathematik oder Technik scheinen kein Thema im der Elementarerziehung zu sein. Auf sokratische (also nicht belehrende) Weise sollen Erzieherinnen und Erzieher unter genauer Beobachtung helfen, Kinder die naturwissenschaftliche Welt begreiflich zu machen. Hilfreich sind dabei die Beschreibungen einiger Experimente (aus den Bereichen “Wasser und Luft”, “Schall und Rauch”, “Licht und Farbe”), anhand derer man gezielt mit Kindern spielerisch (und leicht durchführbar, ab Seite 12) die Welt der Naturwissenschaft entdecken kann. Wer es etwas größer mag, der kann sich die Spiele und Experimente ab Seite 28 anschauen.

So haben Bente Nielsen und Charlotte Schroth als Autorinnen dieser Broschüre deutlich machen können, wieviel Spaß es machen kann, einen wesentlichen Teil der Bildung (eben die Naturwissenschaft) in den Kindergarten zu integrieren. :-)

In diesem Sinne viel Spaß bei der Lektüre und der entsprechenden Umsetzung wünscht

Silvio Ströver, Diplom-Pädagoge

Benutze Literatur:

BERUFLICHE Schule am Königsweg der Landeshauptstadt Kiel (Hrsg.): Bente Nielsen, Charlotte Schroth: Natur Wissenschaft Pädagogik - Das Infopaket zur naturwissenschaftlichen Bildung im Elementarbereich in Anlehnung an die Fortbildung ‘Versuch macht klug: http://www.schleswig-holstein.de/Bildung/DE/Service/Broschueren/Kita/NaturWissenschaftPaedagogik,templateId=raw,property=publicationFile.pdf Pdf-Datei gelesen am 04.04.2009

FISCHER, Ernst Peter: Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte. Ullstein Verlag: Juni 2003.

SCHWANITZ, Dietrich: Bildung. Alles, was man wissen muss. Frankfurt am Main: Eichborn Verlag, Oktober 1999.

STRÖVERS Jobcoachblog: Theodor Litt: Berufsbildung, Fachbildung & Menschenbildung. 26.11.2006, http://www.jobcoach.stroever.net/2006/11/26/theodor-litt-berufsbildung-fachbildung-menschenbildung